
Praxisbeispiel: Väterarbeit im Justizvollzug
Im Rahmen eines sozialpädagogisch begleiteten Gruppenangebots arbeiteten wir über 9 Wochen regelmäßig mit inhaftierten Vätern an der Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen Vaterrolle. Ziel des Angebots war es, väterliche Verantwortung unter den besonderen Bedingungen des Justizvollzugs zu thematisieren und die Beziehungsgestaltung zwischen Vätern und ihren Kindern nachhaltig zu stärken.
Wir näherten uns dem Thema ‚Vater sein‘ mit vielfältigen Methoden – von offenen Fragerunden über multimediale Impulse (Musik, Filmausschnitte, Bilder) und Metaplan-ähnlichen Methoden, um einen offeneren Zugang zu diesem vulnerablen Thema zu ermöglichen. Gestalterische Highlights waren das Entdecken und Erproben altersgerechter Bücher und Spiele sowie das Basteln und Entwickeln von Erinnerungsstücken für die Kinder.
Inhaltlich lag der Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit individuellen Rollenbildern von Vatersein, die sowohl biografisch geprägt als auch gesellschaftlich vermittelt sind. Dabei wurden Erwartungen von Kindern, Partnerinnen und Gesellschaft ebenso reflektiert wie eigene Ansprüche an das Kind und an sich selbst als Vater. Aktuelle familiale Lebensformen (z. B. Trennung, Patchwork-Familien oder alternative Elternmodelle) wurden kontextualisiert und in ihrer Bedeutung für elterliche Verantwortung diskutiert.
Ein weiterer zentraler Fokus lag auf der Kinderperspektive. Thematisiert wurden die psychosozialen Auswirkungen elterlicher Inhaftierung auf Kinder, deren altersentsprechende Bedürfnisse sowie Möglichkeiten väterlicher Präsenz und Beziehungsgestaltung trotz Haft. Die Familie wurde hierbei als primärer Sozialisations- und Lernort verstanden, insbesondere im Hinblick auf Vorbildfunktionen, Emotionsregulation und frühe Anerkennungsverhältnisse.
Darüber hinaus befasste sich die Gruppe mit Aspekten von Partnerschaft und gemeinsamer Elternschaft, insbesondere mit Rollenverteilungen, Kommunikationsstrukturen und der Zusammenarbeit mit der aktuell erziehenden Bezugsperson. Eigene Erwartungen und erlernte Erziehungsmuster wurden kritisch hinterfragt, um dysfunktionale Rollenerwartungen und belastende Dynamiken sichtbar zu machen.
Ein wiederkehrendes Thema stellte der Umgang mit Gewalt in der Erziehung dar. Vor dem Hintergrund eigener Gewalterfahrungen der Teilnehmenden wurden alternative, gewaltfreie Handlungsmöglichkeiten sowie Strategien der Selbstregulation in emotional belastenden Situationen erarbeitet.
Ergänzend zu den Gesprächsformaten umfasste das Angebot praxisorientierte und kreative Elemente. Die Teilnehmenden gestalteten altersgerechte Erinnerungsstücke für ihre Kinder (z. B. selbst eingesprochene Hörbücher und persönlich gestaltete Geschenke für das Kind, um Beziehung, Zugewandtheit und Verantwortung auch unter Haftbedingungen erfahrbar zu machen. Das Gruppenangebot entwickelte sich zu einem geschützten, reflexiven und wertschätzenden Arbeitsraum, in dem persönliche Anliegen, Unsicherheiten und Fragen bearbeitet werden konnten. Die Väterarbeit leistete damit einen Beitrag zur Förderung elterlicher Kompetenz, zur Stabilisierung familialer Beziehungen und zur Prävention intergenerationaler Belastungen.