
Literaturprojekt zum Buch „Born a crime“ (Farbenblind)
Lesen mit jungen Gefangenen? Und dann auch noch ein ganzes Buch, in dem viele schwierige Themen verhandelt werden? Ob das Literaturprojekt bei den Inhaftierten Anklang finden würde, darüber gab es geteilte Meinungen. Also erprobten wir dieses Format mit junge Erwachsene aus der Jugendanstalt Raßnitz in einem einmonatigen Intensiv- Literaturworkshop.
Doch obwohl einige Teilnehmer kaum ein Buch in ihrem Leben gelesen hatten, ließen sie sich auf die Lektüre ein, waren schnell gefesselt von der Erzählung und übertrafen mit ihrer Beteiligung alle Erwartungen an das Projekt.
Gelesen wurde die Autobiographie des weltbekannten Comedian Trevor Noah, der in seinem Buch „Born a crime“ (Farbenblind) seine Kindheit in Südafrika beschreibt. Das eigentliche kapitelweise Lesen des Buches fand zwischen den Workshopterminen im Alltag statt. In der gemeinsamen Zeit wurden dann die lustigsten oder auch besonders ernsten und zum Nachdenken anregende Stellen (vor)gelesen und besprochen. So konnten auch diejenigen Teilnehmenden, die das jeweilige Kapitel nicht gelesen hatten, sich an den Diskussionen beteiligen und den Inhalt des Buches erfahren.
Angeregt durch das Werk setzten sich die Teilnehmer über verschiedene kreative Methoden mit einzelnen Themen des Buches und eigenen Themen auseinander, wie z.B. Gesellschaft, Rassismus und Diskriminierung, Chancenungleichheit und Gewalt, Schuld, Eltern und Eltern-Kind-Beziehung. Mit Rückblick auf ihre eigene Geschichte verfassten sie hierzu kurze Texte. Diese wurden am Ende beim Literatur-Wettbewerb „Leben Freiheit Hoffnung“ des Fördervereins Gefangenenbücherei e.V. eingereicht. Einige Texte sind außerdem in der Kunstgalerie des Landesverbands für Kriminialprävention und Resozialisierung Sachsen Anhalt e.V. zu sehen.
Über diese künstlerisch-kreative Auseinandersetzung wurden Differenzerfahrungen zum Alltag möglich, in denen Konfliktsituationen thematisiert, aufgebrochen und bearbeitet werden konnten. Es entstanden Räume für individuelles und kollektives Handeln sowie gelegentlich auch Irritation, und damit die Möglichkeit Situationen und Interpretationen eigener Erlebnisse neu zu denken.